Deinstedt, 27.3.2017

Liebe Frau [...],

nachdem ich im Guten alles mir mögliche versucht habe, um auf vernünftige Weise mit meinem Mann Herbert Henck zu kommunizieren, ihm meine Sicht seiner Gesamtlage nahe zu bringen, was inzwischen vorhersehbar zu einem Streit führt, in dem er nur noch brüllt und Bereitschaft zeigt, mit Gegenständen nach mir zu werfen (wenn ich nicht rechtzeitig loslassen würde), gehe ich diesen Weg der Kontaktaufnahme mit Ihnen, da ich glaube, dass Sie Ihrerseits weise und erfahren genug sind, ihn nicht in seiner von ihm selbst gepflegten „Opferrolle“ zu unterstützen.

Seitdem er den Termin für seine Augen-OP (Grauer Star) vom Augenarzt erhalten hat, macht er mir hier sozusagen die Hölle heiß. Dies ist im Grunde nur die Spitze des Eisberges, denn sein Verhalten hat sich insbesondere in den letzten 12 Jahren nach seinem Schlaganfall chronisch in eine Richtung bewegt.

Während ich bewusst darauf bedacht bin, jeden Menschen, egal, ob er „krank“ sein möge oder sonst irgendwie „behindert“, als mündiges Wesen zu betrachten und ihm seine Eigenverantwortung nicht nur zu lassen, sondern sie im Ernstfall einzufordern, hat er all seine (hohe) Intelligenz genutzt, diesen entscheidenden Schritt der Selbst-Annahme zu umgehen.

Ich muss ein wenig ausholen, gehe aber davon aus, dass das, was ich schreibe, sich auf diverse andere Fälle übertragen ließe, so dass es nicht um einen einzigen Fall geht, sondern um ein Prinzip unseres Gesundheits- bzw. Krankheitssystems.

Vor seinem Schlaganfall im Oktober 2005 wirkte Herr Henck als auf „neue Musik“ spezialisierter Konzertpianist, wo er in Kennerkreisen einen sehr hohen Ruf genoss. Er war Perfektionist ohne Grenzen, und sein Leben drehte sich in erster Linie um sein Streben nach Erfolg, der sich nur leider in dieser Sparte immer weniger einstellte. Wie extrem seine Abhängigkeit von äußeren Bedingungen war bzw. ist, wurde mir erst im Laufe der Zeit bewusst, denn gleichfalls wirkte sein Tun, das sich gerne den Außenseitern unter den Künstlern widmete, wie eine Hingabe, dem Nachgehen einer inneren Berufung.

Er kämpfte grundsätzlich – wie wohl jeder Mensch – zwischen innerer Berufung und äußerem Beruf, brachte es aber von sich aus nie fertig, seiner inneren Stimme einen Platz einzuräumen, und so überließ er mir die Aufgabe, mich mit dieser (inneren) Stimme zu befassen, sie stets erneut zu ermutigen, vor allem dann, wenn er sich wieder mit wem auch immer zerstritten hatte oder sonst welche Rückschläge erlitt.

Ich versuchte dabei stets, alle Parteien zu berücksichtigen, zu erklären, warum sich jemand so oder anders verhielt, dass es keinerlei Gründe gäbe, etwas persönlich zu nehmen usw. ... Das gelang mir in den ersten Jahren. Doch nachdem ich erlebte, dass dieses Verständnis, diese Kommunikations-Schulung von meiner Seite nur dazu führte, dass er meine Vermittlungsdienste so selbstverständlich fand, dass ich als Person, als Individuum kaum mehr zur Kenntnis genommen wurde, zog ich mich zunehmend zurück in der Hoffnung, er möge nun genug von mir gelernt haben, um das Sehen-Lernen eigenständig zu praktizieren. Das Sehen von dem, was ihn umgibt, um Einsicht zu finden in das Verhalten anderer, zu erkennen, dass die Probleme anderer deren Probleme sind und es darauf ankommt, sich davon abzugrenzen.

Das gelang ihm nicht, im Gegenteil. Er suchte die Probleme regelrecht. Ohne sie hätte er keine Projektionsfiguren und –dramen gehabt, in denen er sich hätte spiegeln können. Wurde er mal wieder wütend gegen xy, ging es um xy ... aber nie um ihn selbst. Während ich immer dagegenhielt: Die Probleme, die für einen Menschen unlösbar sind, haben in erster Linie mit einem selbst zu tun und können nur in ihm selbst gelöst werden. Wenn ich in mir selbst Frieden finde, mir selbst verzeihe, zu mir selbst stehe, mich selbst kenne ... dann weiß ich, dass die anderen, die Umwelt, deren Probleme, deren Krankheiten, kleine und große Kriege, nicht meine Kriege sind – und kann meinen inneren Frieden bewahren und ruhig bleiben bzw. rasch wieder ruhig werden, wenn ich mich doch einmal habe anstecken lassen vom Sturm der Emotionen (auch das ist ja verzeihlich und absolut menschlich bzw. unumgänglich).

Sein Schlaganfall war deshalb für mich eine logische Folge, ich war keinesfalls überrascht, vielmehr fühlte ich eine Art Erleichterung. Hier ist meine Sicht, dass Krankheiten sinnvolle Hinweise, Manifestationen sind von dem, was der Mensch ohne diese körperlichen Symptome zuvor nicht in seinem Inneren hat wahrnehmen wollen.

Erst mit solchen und anderen körperlichen Symptomen gehen die Menschen zum Arzt bzw. werden sie dorthin gefahren. Und der Arzt soll es dann reparieren. Wenn es ihm nicht gelingt, muss er sich auf Klagen gefasst machen oder gar Schuldgefühle. Ein Arzt wäre kein Arzt geworden, wenn es ihm nicht darum ginge zu heilen. Zu helfen. Gelingt ihm das nicht oder nicht in genügendem Maße, ist das frustrierend, zumindest für jene, die einer inneren Berufung folgen. Andere wiederum belassen es halt beim oberflächlichen Reparieren und machen sich keine grundlegenden Gedanken.

Wer wirklich und mit ganzem Herzen nach Heilung sucht, nach Lösungen, Wegen, der geht weit, tief, systematisch vor, weiß das Ganze zu betrachten und die einzelnen Komponenten darin in ihren Funktionen, das Zusammenspiel aller beteiligten Faktoren. Das ganzheitliche Vorgehen halte ich auch für den einzig sinnvollen Weg.

Ich bin immer und gerne auf der Suche nach neuen Perspektiven, bilde mich eigenständig weiter, habe in all den Jahren auch Herrn Henck daran teilhaben lassen, ihm Bücher hingelegt, die ich sinnvoll fand, die neue Sichtweisen eröffneten, DVDs, diverse Hilfsmittel besorgt wie zuletzt ein hochelastisches Trampolin ... Doch er war immer nur am Anfang interessiert, las sich gerne dieses und jenes durch, war in dieser Zeit aufgeschlossen und freundlich ... und begab sich anschließend zurück in seine alten Muster, sobald ich mich entfernte, um ihn auf seinem Weg sich selbst zu überlassen, dass er seinen Raum durch sich selbst erkundete, entwickelte, von innen heraus – und nicht von äußeren Bedingungen wie in diesem Fall von meinem Verhalten abhängig zu bleiben.

Nur ein kleines Beispiel: Kürzlich sagte er mir, dass er am Nachmittag noch einmal spazieren ginge, da Sie es ihm geraten hätten. (Die Heilkraft der Bewegung, die Natur und all das ... war ihm sicher nicht neu, denn auch das habe ich ihm in all den Jahren wiederholt „unter die Nase gehalten“.) Er tat das einige Nachmittage, immer so, dass ich es mitbekam (statt es einfach zu tun, weil er es will). Und das war es wieder.

So geht es mit allem, was sinnvoll wäre, wenn er denn Heilung finden wollte. Mein Vater, in seinem zweiten Beruf Psychotherapeut und seinerseits kein „einfacher Mensch“, der bei seinesgleichen entsprechend zum Helfersyndrom neigt, hat irgendwann einmal bemerkt, nachdem er bei Herrn Henck auf Widerstand bzw. „Aber-Aber“ stieß: Du willst nicht. Was hier so viel heißen sollte wie: Du willst nicht gesund werden.

Und eben das ist, was ich in all der Zeit beobachtete: Er will nicht. Er braucht seine Krankheit, er benutzt sie als Waffe, um sich damit eine Sonderstellung zu schaffen, eben jene Sonderstellung, die er einst als Pianist der Sparte Neue Musik einnahm. Nun ist er halt der unheilbare schwerkranke Patient, dem kein Medikament helfen kann, mit einem so einzigartig schweren Schicksal ... Und niemand hätte ein Recht, ihm etwas anderes, d. h. die eigene Meinung, die eigene (andere) Sicht entgegenzuhalten, weil ja niemand wisse, wie schwer es um ihn stünde, das könne nur er selbst wissen.

Nun, wenn dem so ist, dann halte ich eben dagegen: OK, ich weiß das nicht. Deshalb rate ich dir auch nichts mehr. Ich kann dir ja nicht helfen. Ich bin nicht du. Ich weiß nicht, wie es um dich steht.

Womit wir wieder bei dem Punkt sind, dass jeder Mensch zunächst und eigentlich nur sich selbst helfen kann, sich selbst heilen. Außenstehende können nur hinweisend tätig sein, aber den entscheidenden Schritt nicht gehen, nicht den inneren Schalter umlegen von „Nein, ich esse meine Suppe nicht“ zu „Ja, ich werde jetzt die Suppe essen und meinem Körper Gutes tun“.

Das ist eine grundlegende Einstellung. Wenn ich innerlich auf Abwehr geschaltet bin, auf Widerstand, Nicht-Wollen, die Aufmerksamkeit stets auf das nächst mögliche Aber gerichtet, kann sich die Welt bis hin zum lieben Gott die Zähne ausbeißen, und es wird sich nichts zum Guten hin wandeln.

Jeder Mensch kann das nur selbst. Nun sehe ich ja auch ein, dass es Menschen gibt, die von ihrer Erziehung geprägt sind (wer ist das nicht? Ich auch!). Aber wir alle haben im Laufe des Lebens immer wieder Möglichkeiten und Freiheiten, uns davon zu lösen, uns damit auseinanderzusetzen, um daraus zu lernen, uns abzunabeln ... ein natürlicher Prozess jedes Heranwachsenden.

Auch damit habe ich mich intensiv befasst und mich nicht nur Herrn Henck in dieser Hinsicht gewidmet, ihm seine Freiheiten gelassen, die eigene Biografie zu erarbeiten ... ihm hier und da gerne einen Wink gegeben und und und ... Doch wieder sollte es nur darauf hinauslaufen, dass er diese „Tätigkeiten“ als Anlass nahm, seine Sonderstellung zu untermauern, d. h. seine Mauern auszubauen, statt einzureißen und sich an der Erschaffung eines gesunden Fundaments zu probieren.

Bei allen anfänglichen Einsichten, bei aller Intelligenz und auch bei allem zeitweise wachem Geist und emotionaler Freundlichkeit ... es überwog immer sein Hang, sich sein einmal geschaffenes Bild von sich und seiner Einzigartigkeit als Sonderling in der Gesellschaft auszubauen und verteidigen.

Psychologen würden es Narzissmus nennen, in diesem Falle würde ich es als schwere narzisstische Persönlichkeits-Störung bezeichnen.

Hinzu kommt, dass sein Vater Arzt und Psychiater war, zeitweise Gefängnisarzt und zuständig in Stammheim für die RAF-Insassen, also die wirklich harten Fälle. Später wirkte er als Gutachter vor Gericht.

Doch wie das gerne ist – was auch die Geschichte zeigt inkl. der Biografien von Freud und anderen berühmten Analytikern: Diese Art von Berufsausübung wurde wiederum missbraucht, um von den eigenen inneren Konflikten abzulenken und sie im Außen zu sehen und „behandeln“, so dass ein vermeintlich deutliches Bild von Gut (der Psychiater) und Böse (der Kriminelle) ihnen das Selbstbild bewahrt, welches ihnen als Rechtfertigung innerhalb der Gesellschaft dient, so zu sein, wie sie eben sind – und sich keinesfalls ändern zu müssen.

Auch mit solchen Geschichten habe ich mich befasst ... und es ist erschreckend, welche Formen des Missbrauchs dort stattfanden und bis heute nur ansatzweise ans Licht gekommen sind.

Unsere Gegenwart malt uns ein Bild: Die Herrscher-Narzissten in den USA, Türkei und und und ... die Selbstmordattentäter, die religiösen Fanatiker. Sie alle leiden unter demselben Problem, sie alle laufen vor sich selbst davon, sie alle sind süchtig, d. h. sie suchen alle am falschen Ort, im Außen, bei anderen nach Lösung, nach Veränderung, nach Heilung, um immer kränker zu werden.

Und jene, die sich wirklich mit alledem befassen, die Ärzte und besonders hier die Frauen, versuchen zu helfen, zu horchen, zu lernen, zu analysieren, alles nur Denkbare umzusetzen, um an ihre Grenzen zu stoßen – und dann, statt Entlastung zu finden, noch beschuldigt zu werden, weil sie schlicht nichts mehr zu tun wissen und weil sie erkannt haben, dass es so nicht geht, nicht gehen kann.

Herr Henck hat mich entsprechend in den letzten Jahren bei Außenstehenden, die mit ihm irgendwie in Verbindung standen, „schlecht gemacht“, er stellte mein Verhalten hin als das einer Ehefrau (Mutter), die sich nicht um ihren armen Mann (Kind) kümmerte, entweder direkt oder auf subtile Art und Weise. Er suchte sich eine Frauenbekanntschaft, eine Pianistin (wie er) und Musikforscherin (wie er), die sich insbesondere um die „Ausgegrenzten“ kümmerte mit Schwerpunkt Nazi-Zeit/Krieg.

Hatte er bis dahin jeden Weg, den er zu einem Arztbesuch zurücklegen musste, als größte Plage vor meinen Augen ausgebreitet, um mir ein schlechtes Gewissen einzuprägen, wenn ich wagte anzuregen, dass er sich mal eigenständig um seine Fortbewegung kümmern solle (denn nur so kann der Mensch auch wirklich lernen, eigenständig zu werden, d. h. auch und vor allem Gesundung anzustreben), nachdem ich ihn zuvor all die Jahre selbstverständlich zu allen anstehenden Terminen zu fahren hatte und dies auch tat – zeigte er urplötzlich seine Bewegungsfähigkeit, reiste nach Hamburg, um sie dort zu treffen, schließlich sogar nach Österreich.

Zwischen den Treffen saß er bald nur noch am Computer, um Mails mit dieser Frau auszutauschen. Sobald es hier im Haus zu einer Unstimmigkeit kam, da ich etwas zu klären suchte (und ich kann das wirklich sachlich und ordentlich formulieren, auch im direkten Gespräch), verschwand er wieder am PC, um sich dort auszuweinen und ihre Unterstützung einzuklagen.

Ich kann es der Frau noch nicht mal übel nehmen, denn ihr gegenüber spielte er ja das mir bekannte Spiel, und darin ist er äußerst geschickt, so dass die Österreicherin sich ihrerseits um ihn bemühte, aber leider ihre eigenen Grenzen nicht kannte und aus meiner Sicht eben selbst eine sehr labile Persönlichkeit ist, eine Art Spiegel von Herrn Henck.

Als das nicht mehr funktionierte, nahm er Kontakt zu seiner Exfrau auf, einer Amerikanerin, die wieder in den USA lebt – ebenso eine Pianistin in dem Genre der „Neuen Musik“.

Er versuchte alles, um sich in anderen zu spiegeln, sich Verstärkung von ihnen zu erhoffen, was ihm auch stets gelang, und gegen mich anzugehen mit dieser Rückendeckung bzw. um sein altes Bild damit zu verteidigen.

In diesen ihm bekannten Gebieten, wo er einst Erfolg hatte und von jenen, die darin „zu Hause“ sind, noch die gewünschte Anerkennung erhält (das Grandiose seiner Person betreffend), weiß er sich nach wie vor mitzuteilen, in ausgeklügelten Worten, mit scharfem Verstand und Geist.

Doch wenn es um das wahrhaft Grundlegende geht, das LEBEN, und dazu gehört der gesamte Alltag mit all den Tätigkeiten und Herausforderungen, stellt er sich taub, blind, dumm und hilfloser denn je.

Diese Art von Alltags-Demenz ist hausgemacht, auch darauf habe ich ihn immer wieder und aufklärend hingewiesen. Wer etwas nicht tut, nicht übt, nicht praktiziert, verlernt es halt. Es gibt ja einige (vielleicht sogar viele) berühmte Persönlichkeiten mit hoher Intelligenz, die an Demenz erkranken – und das wird dann auch noch in der Öffentlichkeit debattiert, so dass die Aufmerksamkeit für diese „armen“ Genies gesichert ist.

Ich habe ihm deshalb auch zu verstehen gegeben, dass ich weder bereit noch in der Lage sei, für ihn weiter zu sorgen, hier 24 Stunden auf ihn aufzupassen und Rede und Antwort zu stehen, zumal dieses Rede-und-Antwort-Stehen sich ständig ausbreitet auf alle Leute, die mit ihm in Kontakt kommen und ihrerseits nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Alles landet früher oder später bei mir. Ebenso habe ich ihm klar gemacht, dass diese „Ehe“ nur noch auf dem Papier existiert, ich mich ansonsten längst von ihm getrennt habe und auch einer Scheidung aus meiner Sicht nichts im Wege steht.

All das will er nicht wahrhaben bzw. tut alles, um es nicht hören, nicht sehen, nicht lesen, nicht erkennen zu müssen. Dann ist er taub, blind ... und aus meiner Sicht würde auch eine Operation an dieser inneren Blindheit nichts ändern. Die körperliche Blindheit steht mit der inneren in Verbindung.

Weil dem so ist (bzw. ich es so sehe, wozu ich 100%ig stehe, da diese Perspektive für mich die einzig sinnvolle ist, die wahrhaft zur Heilung an der Wurzel führen kann), würde ich zum aktuellen Zeitpunkt von einer solchen Operation abraten.

Nicht nur aus der ganzheitlichen Sicht, auch aus der gegenwärtigen Lage heraus, denn er hat mich seit Bekanntgabe des Termins geradezu verfolgt mit Rückfragen um Termine, mit Klagen um die Krankenkasse, die kein Taxi bezahlt, auch die Augenarztpraxis wurde von ihm mit Briefen bombardiert, so dass ich auch hier ans Telefon geholt wurde, da eine Verständigung mit Herrn Henck nicht möglich war, woraufhin ich nachgab um des Friedens Willen und sagte, ich würde ihn fahren und Punkt. Doch das brachte keinen Frieden, sondern noch mehr Unruhe. Sogar die Apotheke wurde mit einer Mail mit persönlichen Einzelheiten und abwertenden Bemerkungen seiner Ehe bezüglich in seine Angelegenheit verwickelt, dass ich wieder zu klären hatte.

Also stellte ich ihm schriftlich eine letzte Frage mit Kästchen zum Ankreuzen: Soll ich dich zu den genannten Terminen fahren ja oder nein (bitte ankreuzen).

Er verweigerte eine eindeutige Antwort, um stattdessen mit weiteren Abweichungen, Besonderheiten, Einzelheiten aufzuwarten, woraufhin ich mich weigerte, darauf weiter einzugehen, und ihm später ausführlich meine Haltung erklärte (alles nur noch schriftlich, mündlich wäre das nicht möglich, da fängt er an zu brüllen) mit dem Ratschlag, er möge sich doch ein Taxi nehmen, das sei das Geld allemal wert, mir wäre es nicht mehr möglich, ihn zu fahren. Es ginge mir keinesfalls darum, dass ich zu faul sei oder ähnliches, sondern um die Tatsache, dass ich seinen negativen Gedanken nicht mehr ausgeliefert sein wolle, schon gar nicht während einer Autofahrt.

Gestern nun fragte mich meine Tochter, die vor zwei Jahren auszog, was es mit der Augen-OP auf sich hätte, ihr Vater hätte sie gebeten, sie zu begleiten. Bis dahin habe ich ihr nichts davon erzählt, um sie nicht zu belasten, es ist schließlich nicht ihr Problem. Also erzählte ich, worum es ging, und sie fand ihrerseits, dass es völlig OK sei, wenn er ein Taxi nähme. Er las aus ihrer Mail aber nur das, was er lesen wollte, d. h. ihre Zustimmung. Und als sie ihrerseits auf das Missverständnis verwies, ich dann der Klärung halber zu ihm ging, wurde nur noch gebrüllt inkl. der Bemerkung, ich sei ja nur neidisch, dass unsere Tochter sich um ihn kümmerte (oder ähnliches, die Worte waren sehr knapp bemessen). Gegenüber meiner Tochter hat er dann offenbar auch behauptet, sie würde unter meinem Einfluss handeln. D. h. auch hier: Ich bin an allem Schuld.

Das ist jetzt ein langer Brief geworden. Ich hätte mich gerne aus allem rausgehalten, jedem Menschen den eigenen Part gelassen, aber das ist mir nicht möglich, denn wenn ich das tue, werde ich nicht nur beschuldigt, sondern auf direkten oder indirekten Wegen in Intrigen verwickelt durch das Agieren meines Mannes.

Mir geht es nicht um Schuld oder Nicht-Schuld. Mir geht es um den Frieden und um sinnvolle Wege, um Erkenntnis und daraus resultierendem bedachten, klugen Handeln.

Für mich ist die Angelegenheit klar und einsehbar, für Außenstehende kaum. Sie könnten mir nun helfen, indem Sie Herrn Henck, wenn er das nächste Mal in die Praxis für die Voruntersuchung kommen sollte, offen und direkt fragen, ob er selbst diese Augen-OP wünscht, ob er ihr von sich aus zustimmt. Denn genau darin sehe ich das Hauptproblem. Er selbst will es nicht bzw. er kann sich nicht der positiven Seite zuwenden, um dieser das Hauptgewicht zu verleihen. Und sobald er im negativen Bereich landet, werden alle anderen beschuldigt, für all sein Unwohlsein (für seine negative Einstellung) verantwortlich gemacht und verklagt. Somit wäre eine solche Klärung auch und gerade im Sinne der beteiligten Ärzte. 

Ich habe ihm gestern noch in den Pausen seiner Brüllerei zu sagen versucht, dass ich es sinnvoller fände, wenn er sich zunächst in psychologische Behandlung begibt, um die Augen-OP vorerst abzusagen.

Einer OP auf negativem Boden würde ich selbst nicht zustimmen.

Ich denke, er weiß im Grunde selbst darum, er weiß ja, wie negativ er schwingt, wie schlecht es ihm damit geht. Nur sucht er nach wie vor den Ausgleich zum Positiven bei mir, nun auch bei meiner Tochter, um sich damit zu erhoffen, noch einmal heil durch den Sumpf zu kommen, ohne sein Gesicht zu verlieren, d. h. ohne sein Selbstbild infrage zu stellen.

Entsprechend hat er meiner Tochter geantwortet, dass er die OP dann absagen müsse, wenn sie nicht usw. ...

D. h. er sucht auch hier nach Schuldigen, statt selbst dazu zu stehen.

Diese Grundfrage gilt es aber zu stellen (und ich stellte sie ihm unzählige Male): Was willst DU?

Antworten von ihm lauten meist bis immer: Was will ich nicht (wenn auch nicht so klar ausgedrückt, wie ich es hier tue).

Ich bin mir auch sicher, dass diese Art von Grenzsetzung, Grenzeinhaltung, klaren Stellungnahmen allen Beteiligten hilft, nicht nur für diese eine Situation, sondern generell. Für mich ist das ein Grundproblem der Gesellschaft, des Miteinanders von Menschen, dass alles getan wird, um die Eigenverantwortung zu umgehen, d. h. sich selbst zu erkennen, zu sich selbst zu stehen ... um dann wirklich frei zu sein bzw. werden und aus dieser Freiheit heraus genau das zu tun, was wirklich und wahrhaftig sinnvoll, heilsam, gut ist.

Nun werde ich wohl auch der Augenarztpraxis noch schreiben, allerdings nicht so tiefgreifend und umfassend wie Ihnen. Meine Menschenkenntnis, meine Intuition vermutet in Ihnen eine weise Frau, die mich sehr gut versteht.

In diesem Sinne: Lassen bitte auch Sie sich nicht unterkriegen und bleiben Sie sich selbst nah und treu.

Ganz herzliche Grüße

Jutta Riedel-Henck