Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin keine Kennerin der „Szene“, in der Menschen mitspielen, die sich der „Musik der Gegenwart“, der „Neuen Musik“, der „Avantgarde“ zu widmen vorgeben.

Mich hat eine „neue Musik“ auch nie be-sonders interessiert. Ich bin, wenn überhaupt, Musikerin, mehr noch Mensch. Musik ist für mich keine Sache, kein Thema, das unabhängig vom Menschen existiert.

Alles ist Gegenwart. Jeder ist gegenwärtig. Es ist nur die Frage: Ist er, der Mensch, sich dessen bewusst? Ist er sich seiner Existenz bewusst? Kennt er sich selbst? In diesem Moment?

Steht der Mensch aus sich selbst heraus hier und weiß darum? Steht er zu sich selbst? Oder sucht er dieses Wissen um sich selbst bei anderen?

Warum brauchen die Menschen Akademien, Festschriften zu runden Geburtstagen, Preise, öffentliche Zurschaustellungen ihrer „Verdienste“ und Besonderheiten? Warum rufen sie das Gericht, wenn es Streit gibt? Obrigkeiten? Papa, Mama, Präsidenten, Richter? Warum brauchen die Menschen Auszeichnungen, Urkunden, Zensuren, Papiere, „Referenzen“? Warum buhlen sie um ihr Publikum, Fans, „Freunde“, „Schüler“?

Was ist echte und was ist falsche Kunst? Gute und schlechte? Wertvolle und wertlose? Worin besteht der Wert und wer definiert ihn?

Wenn Menschen den Wert von etwas definieren, ohne sich ihrer selbst bewusst zu sein, machen sie sich zum Spielball eines unkontrollierbaren Treibens, Streitens und Wettkampfes.

Was auch immer sie dabei für Worte formen, Bilder malen und Klänge produzieren: Welchen Wert soll das alles haben, wenn die Menschen sich selbst nicht finden wollen? Sie bleiben erfolglose Jäger und Jägerinnen, solange sie nicht stehen bleiben und endlich Verantwortung für sich selbst übernehmen und: leben!

Dann können ihnen alle Akademien, Professorentitel und Preise der Welt gestohlen bleiben.

Jutta Riedel-Henck, 17. November 2019