Liebe Besucher/innen, Gäste, Leser/innen dieser Homepage!

Es gibt nur eine wirksame und friedliche Waffe: Die Wahrheit.

Manch einer bezieht sich darauf, das Wort sei ein zweischneidiges Schwert, es könne so oder anders ausgelegt werden. Doch liegt es am Urheber selbst, ob er sich frei von Zweifeln und dem Offenhalten solcher Hintertürchen zu entscheiden bereit und fähig ist, etwas auf den Punkt zu bringen und dazu zu stehen, gerade in stürmischen Zeiten.

Sein Geist geht dem Wort vorweg, und im Geiste entscheidet der Autor, hier nun die Autorin, ob sie bereit und willig ist, sich festzulegen und ihren Stiefel durch diese Welt der Irrenden und Verwirrten zu ziehen. Ich sage nicht – wie einst Angela Merkel – „Wir schaffen das“, sondern: „Ich schaffe das!“

Ich tu es einfach.

Seit dem Frühjahr 1990 war ich die Lebensgefährtin von Herbert Henck. Ich bekam direkt und hautnah zu spüren, wie fern die Künstler und Künstlerinnen, Musiker und Musikerinnen, Komponisten und Komponistinnen, Musikwissenschaftler und Musikwissenschaftlerinnen ... all dem, was sie in der Öffentlichkeit präsentieren, in ihrem Innersten sind. Je mehr geschrieben, geredet, aufgeführt wurde, desto entfremdeter wirkten diese Menschen auf mich. Das wahrhaft Einfache, Naheliegende, Echte, Natürliche, Lebendige, Empfindsame hatte darin kaum bis gar keinen Platz.

Von meinen Schriftsteller-Kollegen/innen war mir diese Spaltung bereits vertraut. Dass aber in der Musik, in welcher die Seele des Menschen unmittelbar Regie führt (bzw. nach meiner Auffassung führen sollte), um sich frei von Maskierungen Ausdruck zu verschaffen, Theater und Verstecken gespielt, heimlich oder unheimlich um die Gunst des Publikums gestritten wird, intellektuell verschnörkelt oder mit Mitteln emotionaler Verführungskunst bzw. beides in geschickter Kombination, wollte ich lange Zeit nicht in dem Ausmaß wahrhaben, wie ich es zu meinem großen Bedauern (mit)erleben musste.

Narzissmus ist ein abgedroschener und vielfach missverstandener Begriff. Niemand möchte damit befleckt oder abgewertet werden. Ich nenne es also Selbstentfremdung und Außer-sich-selbst-Sein in Abhängigkeit von der Außenwelt, den Umständen, Bedingungen, welche von „narzisstischen“ Menschen manipuliert, beeinflusst werden (wollen), um die erhoffte Wirkung von außen zur Stärkung des Selbstwertgefühls zu provozieren.

In der Welt populärer Musik wird weniger selten ein Blatt vor den Mund genommen, die Boulevardpresse berichtet dankbar von Alkoholexzessen, Abstürzen, Selbstmorden berühmter Rockstars. Im Genre der „ernsten“, klassischen oder gar „neuen“ Musik geht es sehr viel verhaltener zu. Doch im Grunde ist es Jacke wie Hose. Das Problem hat nichts mit dem Musikstil zu tun, sondern den Menschen, die aus der Musik einen Leistungssport machen, um virtuos vor sich selbst davon zu laufen auf der Suche nach Anerkennung, Wertschätzung und Liebe. Stets am falschen Ort ... denn niemand kann einem Vor-sich-selbst-Flüchtenden geben, was er in und durch sich selbst verleugnet und verwahrlosen lässt.

Manche sind dieser Wahrheit in ihrem Bewusstsein näher als andere. Und doch gelingt auch ihnen der entscheidende Absprung aus der Öffentlichkeit nicht. Stattdessen wird die Selbstfindung zelebriert, auf- und vorgeführt. Gem-einsam auf der Bühne statt konsequent ein-sam an einem Ort der Stille. Das „Buch der Klänge“ von Hans Otte wurde noch zu seinen Lebzeiten als Filmmusik umfunktionalisiert! Man oder auch Mann fühlte sich womöglich geehrt, der Regisseur galt als berühmt. Ich konnte mir diesen Film nicht zu Ende anschauen.

In all den Jahren meines Zusammenlebens mit Herbert Henck behielt ich meine Kritik nicht für mich -- ihm gegenüber, zumal er mir in den meisten Fällen erleichtert zustimmte. Dennoch blieb auch er ein Gefangener dieses Systems, um zwischen Lüge und Wahrheit zu pendeln, in mir die Freundin bzw. in den letzten Jahren zunehmend Feindin zu sehen und mich diese abwehrende Haltung extrem spüren und hören zu lassen.

Ich stand irgendwann offensichtlich all-ein da. Und spielte Ukulele.

Entwirrte nebenbei intrigante Verstrickungen, um ihnen nicht als Sündenfrau zu erliegen, lernte und lernte ... mir selbst die Treue haltend ... schrieb – und schreibe nun diesen Brief für die Homepage von Herbert Henck, die es ohne mich gar nicht mehr geben würde, weder die alte noch die neue.

Liebe Leser/innen – Gäste dieses virtuellen Hauses! Es ist an der Zeit – sich jetzt (was anderes gibt es auch nicht) – an die eigene Nase zu fassen mit der Frage „wer bin ich?“ Und auf-zu-hören, bei irgendeinem Guru, Superhelden, geistigen Vorreiter oder Spitzenpianisten nach Antworten (Ver-antwortung) zu suchen für das eigene Selbst und Sein.

Das ist total einfach! Wie wäre es mit dem Singen eines Liedes? Für sich allein irgendwo im Wald, auf dem Klo oder beim Braten eines Rühreis? Dafür brauchts keine Klosterseminare und Meditations-Sessions im Schneidersitz mit Buddha-Figur im Rücken. Eben dies empfehle ich mit freundlich leicht verschmitztem Grinsen dem Komponisten von „Beginner’s Mind“, der diesen Rückzug zum Einfachen, dem inneren Kind, zum Thema seiner frühen Klavierkomposition machte – um es in der Durchführung des Lebens bisher verfehlt zu haben.

In diesem direkten, stets freundlichen und vor allem Frieden stiftenden Sinne:

„Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König!“
(August Mühling, 1786–1847)

Niemand braucht ein Schloss(konzert) dafür.

Jutta Riedel-Henck, 28. Februar 2019