Frühjahr 2018. Herbert bewohnte noch den Raum neben der Küche, in welcher ich gerade am Aufräumen war, öffnete die Tür und rief erstaunt: Das habe ich nicht gespielt! Diese Aufnahme ist nicht von mir! Unmöglich!

Ich musste herzhaft lachen. Herbert deutete es als Schadenfreude und wirkte offensichtlich befriedigt ob meiner Reaktion.

Nein, es war keine Schadenfreude. Ich fand es schlicht und einfach erfrischend lustig! Zumal unser Zusammenleben in den letzten Jahren eher gegenteilige Stimmungen erzeugt hatte.

Es ging um Johann Sebastian Bach. Das Wohltemperierte Klavier Teil II. Eine alte Geschichte ... um Aufnahmen, die der Produzent zurückgehalten hatte, statt sie zu veröffentlichen.

Walter Zimmermann hatte sich dieser Angelegenheit angenommen und wollte alles ihm erdenklich Mögliche unternehmen, um eine Herausgabe zu bewirken.

Dass auch Herbert daran gelegen war, wusste ich. Monate zuvor nahm ich am Rande wahr, wie er mit einem mir Unbekannten korrespondierte, der seine Bachaufnahmen lobte und bedauerte, dass sie noch immer nicht erschienen seien. Herbert sprach (bzw. schrieb) in diesem Zusammenhang eindeutig von seinen Aufnahmen, die er selbst lobte, so müsse man Bach spielen, war seine eigene Einschätzung.

Nun – auf einmal – wollte er sich nicht mehr als Pianist dieser Einspielungen sehen oder zu erkennen geben.

Infolge meiner Reaktion holte er weiter aus, nun hätte er nichts mehr, um damit anzugeben, sich wichtig zu tun, der Walter Zimmermann. Soll er mal sehen, wie er da wieder rauskommt!

Herr Henck, der Demenz-Kranke?

Vergesslich und im Kopf durcheinander war er häufig. Schon seit Jahren. D. h. eigentlich, so lange ich ihn kenne. Präzise im Umgang mit formalen Analysen innerhalb abgesteckter Formen. Verführbar, widersprüchlich und inkonsequent in Angelegenheiten des Alltags, zwischenmenschlichen Beziehungen, die ihn selbst betrafen. Hier wurde vor allem schwarz-weiß gedacht und sortiert.

Auch der Umgang mit Computer und Internet brachte ihn leicht zum Explodieren. Er tat sich schwer mit technischen Geräten, die ihm unmissverständlich vor Augen führten, wann und dass sie nicht so funktionierten, wie es seinem subjektiven Geschmack entsprach, wenn sie ihm zu „widersprechen“ wagten.

Gab es Probleme, wurde ich gerufen. Immer häufiger. Immer wütender. Immer unverschämter erschien ihm diese unnachgiebige eigenwillige Technik, die sich nicht von seinen Gefühlen manipulieren ließ.

Und ich half. Wie viel Zeit ich mit alledem verbrachte ... eine Stechuhr gab es nicht. Schließlich bestand ich darauf, er möge selbst sein Grundlagenwissen ausbauen und vertiefen, die Zusammenhänge der einzelnen Komponenten zu durchschauen, dass er sich nicht als unbeholfenes „Opfer“ der Technik in seinen Wutanfällen verlöre, die am Ende immer mich als Zielobjekt hatten.

Wenn ich ihm vor Augen hielt, dass Windows XP veraltet sei, diverse Software nicht mehr kompatibel, es an der Zeit wäre, neu zu starten, reagierte er abweisend. Schuld waren immer die anderen, Bill Gates ... die wollten alle nur Geld verdienen und machten es extra so kompliziert.

Was auch immer ich sachlich zu erklären suchte ... es endete in einem lauten Streit.

Klappte etwas nicht, hieß es, der Computer sei kaputt. Ich weiß nicht, wem er das alles erzählte. Er schien eine Menge Hilfsangebote zu bekommen ... auch bezüglich seines Druckers.

Auch dann, als ich ihm längst einen neuen Computer gekauft und eingerichtet hatte ... einen neuen Drucker ...

Was mögen Außenstehende gedacht haben? Sie glaubten ihm offenbar. Der arme Herr Henck, uralter kaputter Computer, seine Frau kümmert sich nicht ... er braucht Hilfe.

Das dachten auch all die anderen, die nach und nach kamen ... vom Sozialamt ... vom Gericht ... Und immer musste ich mich verteidigen, nachdem sie mich spüren ließen, welches Bild sie von mir gemalt bekommen hatten. Eine Frau, die ihren Mann vernachlässigt, sich nicht kümmert. Böses Weib.

Wer sich ein wenig mit Narzissmus bzw. narzisstischen Persönlichkeitsstörungen auskennt, weiß, dass solche Vernichtungskampagnen dem Narzissten dienen, um sich aufzuwerten – indem er andere, vor allem seine Nächsten, abwertet und im Extremfall vernichtet.

Ich schrieb viel. Vor allem Briefe. Um aufzuklären. In diverse Richtungen, d. h. jene Richtungen, aus denen geschossen wurde mit falschen Urteilen mich betreffend.

Und lernte die Menschen kennen. Was sie gerne glaubten, glauben wollten ... von mir bzw. über mich.

Kein schönes Spiel.

Demenz? Herr Henck war überfordert mit mir als „Gegnerin“. Das machte ihn nicht nur immer wütender und rücksichtsloser, er verlor gleichfalls den Überblick, konnte nicht mehr in diesen für ihn unüberschaubaren Zusammenhängen (mit-)denken, er geriet an seine Grenzen, die Grenzen seines rationalen Verstandes, mit dem er bis dahin sein Leben „gemeistert“ hatte, unter Kontrolle gehalten. Die Kontrolle entglitt ihm zunehmend. Der Stress nahm zu. Und Stress macht krank. Jeder kennt das. Es gibt zu diesem Thema genug hervorragende Literatur, ich muss das nicht weiter ausführen.

Im Zustand seiner von vielen so anerkannten „Krankheit“ Demenz erhielt er nun den „mütterlichen“ Schutz und Zuspruch, von männlichen wie weiblichen Personen. Um mich als un-mütterlich dastehen zu lassen, weil ich nicht mehr bereit war, von ihm getreten, belogen und missbraucht zu werden. Ohne all diese Personen, die ihn schützten, hätte er sich im Duell mit mir geschlagen geben müssen. Das ertrug er nicht.

Obwohl ich keinesfalls böse Absichten hatte, sondern ihn auf den Pfad der Heilung führen wollte, der Selbstheilung, Selbstfindung, des In-sich-Gehens ... das Wesentliche in den Tiefen seiner Seele erspürend, um sich selbst zu erkennen und treu zu werden, frei, glücklich und unabhängig: auch und gerade von mir! Die ihm mehr Mutter als Frau war in all den Jahren, Jahrzehnten! Und ich weiß 100%ig: eine echte liebevolle weise kluge und verständnisvolle empathische Mutter und Frau!

Ohne dieses Wissen um MEINE Wahrheit würde ich diese Zeilen nicht mehr schreiben können.

Das Wissen, welches ich durch meine Erfahrungen im Umgang mit all den Beteiligten gesammelt, erfahren habe, ist nicht besonders schmeichelhaft für jene, die es betrifft.

Auch das weiß ich. Also wird mir aus dem Weg gegangen ... und meine Zeilen bleiben ungelesen ... wie das Buch, welches ich im letzten Jahr schrieb und veröffentlichte.

Woran nun möchten Sie glauben? Die Auswahl ist riesig! Und das, was Sie glauben, wird von Ihnen in die Realität geboren.

Möchten Sie glauben, Demenz sei eine Krankheit, die Dementen pure Opfer? Und es bliebe der Gesellschaft nichts anderes übrig, als sie zu pflegen, sie zu behandeln wie kleine unmündige Kinder? Möchten Sie glauben, dass Menschen, die sich in ihrem Leben über lange Zeiträume als hochintelligent geoutet und bewiesen haben, von heute auf morgen der Dummheit verfallen, weil irgendein böser Virus sie befallen hätte?

Eine der ersten Bemerkungen, die ich von Herbert Henck in Erinnerung habe, als wir uns näher kennen lernten zu Beginn des Jahres 1990, war, dass er von sich aus zugab, eine Neigung zur Selbsttäuschung und -lüge zu haben, nachdem ich ihn damit konfrontierte, dass mir viele seiner Erzählungen bezüglich seines Lebens, seiner Vergangenheit unglaubwürdig erschienen. Er neigte sehr zum Beschönigen. Ob es nun seine Kindheit oder Ehe betraf.

Nun – jeder Mensch ist frei, sich seine Welt zurecht zu denken, so, dass es ihm persönlich gefällt. Problematisch wird es allerdings, wenn ein Mensch hinzukommt, der sich nicht von solchen Bildern blenden lässt. Ein solcher Mensch war und bin ich.

Ich fühle mich sehr einsam unter all den Menschen, die sich gegenseitig blenden. Dann frage ich mich: Was würden sie tun, gäbe es diesen Kontrapunkt nicht? Mich? Mehr noch: Möchte ich das noch sein? Weiterhin?

Nein. Das möchte ich nicht mehr.

Für mich ist dieses Spiel jetzt aus.

Wer einen Kontrapunkt braucht, möge ihn ganz allein aus sich heraus durch sich selbst leben.

Jutta Riedel-Henck, 2. Januar 2020

 

»Die aussichtslose Flucht« aus: Jutta Riedel-Henck: Freiheit Frechheit. Deinstedt: Kompost-Verlag, 2019, S. 62-64.

siehe auch: Walter Zimmermann und Herbert Henck

Literaturempfehlung: Joe Dispenza ist nach meiner Einschätzung führend als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Spiritualität.