In der BILD steht geschrieben, die „Süddeutsche“ berichtet, die „nmz“ kommentiert ... offene Briefe erscheinen auf privaten Internet-Seiten ... der wahre Krieg wütet nicht an konkreten Orten, sondern in den Köpfen jener, die sich aufgrund solcher Meldungen Urteile bilden, um in der Öffentlichkeit darum zu kämpfen, Recht zu haben, d. h. mehr Recht als die anderen.

Anerkennung durch Außenstehende steht im Mittelpunkt solcher medialen Aufmerksamkeitsschrei(b)e(n).

XY hat gesagt, B habe getan, ZHÜ würde gemeint haben, dass EÄQ an besagtem Tag dort war, und was dann V als Statement veröffentlichte, sei ein Schlag gegen alle Opfer sexueller Übergriffe ...

Sich für Opfer stark zu machen, bietet Opfern die Illusion einer rettenden Hand. Es gibt nur einen Retter! Und der kämpft für sie. Für alle Opfer.

In unserer Gesellschaft gibt es viele Opfer. Menschen, die sich als Opfer empfinden, als Mensch ohne Macht über das eigene Leben, der unter der Macht von wem auch immer so sehr zu leiden hat, dass er nur noch eines kann: auf den großen Retter hoffen. Da er nicht wissen kann, wer das sei, muss er dran glauben. An das, was ihm ein sich so anbiedernder großer Retter aller Opfer erzählt. Und der erzählt viel. So viel, dass ich nicht in der Lage bin, das alles zu lesen, was auch überflüssig ist, da ich weder nachvollziehen noch verstehen kann, worum es eigentlich geht.

Es bleibt die Spekulation.

Begriffe wie sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Eros werden in den großen Topf der medialen Suppe geworfen. Es geht um Geld, Pensionsansprüche. Verführung und Manipulation. Die Suche nach einem Täter. Sie setzt voraus, dass Täter Täter und Opfer Opfer sind.

Sich im künstlerischen und damit menschlichen Wirken von Autoritätspersonen führen zu lassen, bestücken mit Zeugnissen und Werturteilen, als Meister- oder Lehrlingsschüler/in einem Hochschulbetrieb zu unterwerfen, steht als Infragestellung nicht im Raum.

Stattdessen wird zugeordnet: Du bist ein Opfer! Lass dir das nicht gefallen! „Me too“ ... Gemeinsam sind wir stärker! Der Aufstand aller Unterworfenen, angeführt von einem halben Professor, der lieber ein ganzer wäre. Freiheit! Freiheit? Nur in Grenzen, bitte. Vor allem in sexueller Hinsicht.

Das alte hierarchische System bleibt bestehen. Und dieses beruht auf einem Ausschluss aller Weiblichkeit: in jedem und jeder!

Opfer sind keine einzelnen Personen, Opfer sind alle, die in diesem System mitwirken. Statt das Männliche und Weibliche eins sein zu lassen, wird die Sinnlichkeit dem Rationalen unterworfen. Musik, Kompositionen, Kunstwerke fließen nicht aus der Seele der Schöpfenden, sie unterliegen einem Konstrukt, alles Lebendige zu kontrollieren suchenden Denk-Gebäudes, das in Frauen und Männern gleichermaßen herrscht, die ursprünglich weibliche unbefleckte Empfängnis des (männlichen) Geistes ausklammernd.

Da können noch so viele schräge und wilde Klangkombinationen zusammengebastelt und aufgeführt werden, um Bewegung in die muffige Bude zu bringen, Turbulenzen zu erzeugen durch Propeller-Arme sportlich anmutender Dirigenten in Shorts oder fein gerippten Unterhosen. Aktion! Aktion! Aktion!

Was das alles kostet!

Welt in der Welt. Kunst genannt. Opus 1. Opus 2. Opus 3. Opus 4 ...

Werkverzeichnisse. Lange Listen verwaltet von Wikipedia. Materie. Mater. Mutter. Der Schöpfer kein Schöpfer, sondern eine Mutter, die ihre Kinder aufzählt wie ein Baumeister seine architektonischen Gebäude.

Nichts steht einfach für sich. Aus sich heraus. Hier. Jetzt. Immer neu. Frisch. In stetem Wandel.

Stattdessen wird gewedelt – mit Diplomen, Urkunden, Strafzetteln, Festschriften, Lo(o)se(r)-Blog-Schriften, Banknoten, Scheinen aller Art.

Leute, ich! Nein, ICH! Hier, ich bin besser! Glaubt mir!

Und sie glauben. Mal dies, mal das. Mal jenen, mal solchen. Daumen hoch. Daumen runter.

Ein Ende ist nicht abzusehen. The show must go on.

Ich halte keinen Menschen für so dumm, dass er – und SIE – nicht um die eigene Mitwirkung an solchen Theatern wüsste.

Jutta Riedel-Henck, 30. Dezember 2019